Muss die Projektbearbeitungszeit (70 Stunden) wirklich genau eingehalten werden?

Häufig erreicht mich die folgende Frage von Prüflingen:

Muss ich die Bearbeitungszeit für das Abschlussprojekt (70 Stunden) wirklich genau einhalten oder kann ich auch ein paar Stunden mehr oder weniger einplanen?

Meine kurze Antwort: Ja, die Zeit ist exakt einzuhalten. Abweichungen darf es nicht geben – weder nach oben noch nach unten.

Text der Verordnung

Die allseits beliebte Verordnung über die Berufsausbildung im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnik hat zur Dauer des Projekts Folgendes zu sagen:

§ 15, Absatz 2

Der Prüfling soll in Teil A der Prüfung eine betriebliche Projektarbeit durchführen und dokumentieren sowie in insgesamt höchstens 30 Minuten diese Projektarbeit präsentieren und darüber ein Fachgespräch führen. Für die Projektarbeit soll der Prüfling einen Auftrag oder einen abgegrenzten Teilauftrag ausführen. Hierfür kommt insbesondere eine der nachfolgenden Aufgaben in Betracht:
1. in der Fachrichtung Anwendungsentwicklung in insgesamt höchstens 70 Stunden [Herv. d. Verf.] für die Projektarbeit einschließlich Dokumentation:
a) Erstellen oder Anpassen eines Softwareproduktes, einschließlich Planung, Kalkulation, Realisation und Testen,>
b) Entwickeln eines Pflichtenheftes, einschließlich Analyse kundenspezifischer Anforderungen, Schnittstellenbetrachtung und Planung der Einführung;

Und etwas weiter unten im gleichen Absatz:

Durch die Projektarbeit und deren Dokumentation soll der Prüfling belegen, daß er Arbeitsabläufe und Teilaufgaben zielorientiert unter Beachtung wirtschaftlicher, technischer, organisatorischer und zeitlicher Vorgaben [Herv. d. Verf.] selbständig planen und kundengerecht umsetzen sowie Dokumentationen kundengerecht anfertigen, zusammenstellen und modifizieren kann.

Die Einhaltung der vorgegebenen Projektzeit ist also wichtiger Bestandteil der Prüfungsleistung.

Abweichungen nach oben

Damit dürfte ziemlich eindeutig klargestellt sein, dass eine Abweichung nach oben nicht zulässig ist. Dies muss zu einem Nichtbestehen der Prüfung führen.

Das ist auch völlig klar, denn wo sollte man die Grenze ziehen? Ist eine Stunde zu viel ok, aber zwei Stunden schon nicht mehr? Wenn ein Prüfling zehn Stunden mehr zur Verfügung hat als ein anderer und dadurch eine bessere Leistung bringt, wie soll das fair bewertet werden?

Also: Die absolute Obergrenze für eure Projektdauer sind 70 Stunden!

Abweichungen nach unten

Die Formulierung der Verordnung enthält das – bei Informatikern beliebte – Wort höchstens. Demnach wäre also auch ein kürzeres Projekt in Ordnung. Und dem kann ich auch nicht widersprechen: Theoretisch könntet ihr ein kürzeres Projekt durchführen.

Doch überlegen wir mal aus praktischen Gesichtspunkten: Wenn ihr weniger Stunden nutzt als ihr zur Verfügung habt, wie sollt ihr dann ein vergleichbar gutes Projektergebnis einfahren wie eure Mitprüflinge? Angenommen ihr schneidet am Ende mit einem gut ab: Würdet ihr euch nicht fragen, welche Note ihr bekommen hättet, wenn ihr auch noch den letzten Rest eurer Möglichkeiten ausgeschöpft hättet? Ich würde mich das definitiv fragen.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass 70 Stunden für ein komplettes Abschlussprojekt sehr wenig Zeit sind (sogar, wenn man die Zeit für die Projektdokumentation nicht einrechnet). Und diese knappe Zeit wollt ihr noch weiter kürzen? Warum? Wieso sollte man bei einer so wichtigen Prüfung freiwillig unter seinen Möglichkeiten bleiben?

Also: Beschneidet nicht eure ohnehin schon knappe Zeit und verbaut euch eure Chance auf die bestmögliche Note.

Abweichungen vom Projektantrag

Abweichungen vom Projektantrag, die es in der Dokumentation zu begründen gilt (ich habe dafür ein separates Kapitel in meiner Vorlage für die Projektdokumentation eingeplant), beziehen sich auf Verschiebungen innerhalb der 70 Stunden. Also z.B.: Entwurf dauert länger, dafür ist die Implementierung aber kürzer. Die 70 Stunden sind einzuhalten. Man kann Abweichungen also nicht einfach so als im Projektverlauf aufgetreten begründen und kommt damit durch.

Also: Wenn ihr für eine Projektphase mehr Zeit benötigt als geplant, müsst ihr diese Zeit an anderer Stelle wieder herausholen.

Fazit

Haltet euch strikt an die Vorgaben der IHK! Das bedeutet, dass euer Projekt exakt 70 Stunden lang sein muss. Nicht mehr und nicht weniger. Alles andere ist fahrlässig und kostet euch ggfs. die Note.


Wie seht ihr die Zeitvorgabe der IHK? Ist sie überhaupt realistisch? Habt ihr selbst vielleicht eine abweichende Projektzeit genutzt?

5 thoughts on “Muss die Projektbearbeitungszeit (70 Stunden) wirklich genau eingehalten werden?

  1. Hallo.
    Ich denke, fast jeder Prüfling wird während der Suche nach einem geeigneten Projekt merken, dass 70 Stunden wirklich sehr wenig Zeit sind. Ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich gehe davon aus, deswegen sind es schon nicht nur 35 Stunden wie bei den Systemintegratoren. Auch wenn 70 Stunden wenig sind, ist man uns damit wohl schon entgegengekommen. Und innerhalb dieser 70 Stunden muss ein Projekt realisiert werden, das in seiner Komplexität angemessen ist. Einen Taschenrechner darf man also in der kurzen Zeit nicht programmieren.

    Mit freundlichen Grüßen
    Michael

  2. Hallo Michael,

    das sehe ich genau so. Deswegen haben die Anwendungsentwickler schon mehr Zeit als die anderen drei Berufe, denn das Programmieren dauert einfach sehr lange (zumindest, wenn man es richtig machen will 😉 ).

    Viele Grüße!
    Stefan

  3. Ich persönlich bin der Meinung das die Zeit zu knapp bemessen ist. Wenn man mal ehrlich ist, wird bei der Zeit eh „geschummelt“ da sich in 70 Stunden nicht wirklich viel auf die Beine stellen lässt. 70 Stunden sind einfach viel zu wenig um ein interessantes und auch anspruchsvolles Thema umzusetzen inklusive wirtschaftlicher Betrachtung und Dokumentation.

    Man will sich ja ein wenig von der Masse abheben und keinen Taschenrechner präsentieren. Aber ein entsprechendes Thema ist mit Sicherheit nicht in 70 Stunden abzuschließen. Alleine die Zeit, die ich dafür aufbringen muss mir die möglichen Anwenderfehler bewusst zu machen und abzufangen beläuft sich in einem normalen Projekt schon mal gerne auf 10 Stunden. Und wenn ich gerade sowas auch noch in einem Abschlussprojekt berücksichtigen muss ist es einfach nicht möglich das in 70 Stunden zu bewerkstelligen. Klar kann man jetzt sagen das es dann das falsche Projekt ist aber es soll ja auch kein Taschenrechner sein.

    Darum macht eine zeitliche Eingrenzung mit Sicherheit Sinn aber imho sind die 70 Stunden nicht mehr wirklich zeitgemäß.

    Dann kommen noch die Vorgaben was die Dokumentation angeht. Maximal 15 Seiten Dokumentation und 35 Seiten Anhang? Sehr komisches Verhältnis und zwingt den Prüfling in der Regel erklärende Abbildungen in den Anhang zu stopfen damit auch wirklich ersichtlich ist, das die 15 Seiten eingehalten werden.
    Hier müsste auch mal ein Umdenken stattfinden da das meiner Meinung nach nicht mehr up to date ist.
    Auf der anderen Seite muss man aber auch mal vor den Prüfern den Hut ziehen die sich alle 6 Monate den Streß machen und sich den Prüfungen aussetzen. Das ist mit Sicherheit auch nicht gerade einfach da noch neben dem normalen Job die Aufgaben im Prüfungsausschuß wahrzunehmen.

  4. Hallo Sepp,

    da hast du wahrscheinlich recht. Viele Abschlussprojekte dauern in der Realität wohl länger als 70 Stunden. Dennoch ist das Einhalten der Zeit (zumindest auf dem Papier) notwendig!

    Danke für das Lob an die Prüfer. Es ist wirklich stressig, aber macht auch viel Spaß. Wenn die Dokus nun allerdings keine Längenbeschränkung mehr hätten, wäre der Job ungleich schwieriger, da die Korrektur schon mit Längenbeschränkung sehr zeitaufwendig ist.

    Viele Grüße!
    Stefan

  5. Hallo,

    was ist konkret unter Schnittstellenbetrachtung zu verstehen?
    Wie erwähne ich es am besten im Antrag und der Dokumentation, falls das Programm keine Schnittstellen hat?

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