Wie die Medien unser (Entwickler-)Weltbild beeinflussen

Vor Kurzem bin ich über diesen äußerst interessanten Artikel gestolpert: This Is How Your Fear and Outrage Are Being Sold for Profit. Tobias Rose-Stockwell erläutert darin anhand mehrerer Medienereignisse – z.B. Ebola in New York, Trumps Wahlkampf usw. – wie wir tagtäglich von den Medien beeinflusst werden. Scheinbar alltägliche lebensbedrohliche Ereignisse wie Terroranschläge entpuppen sich bei genauerer Analyse als äußerst unwahrscheinlich für den Einzelnen. Aber da man mit reißerischen Themen mehr Werbeeinnahmen erwirtschaften kann, werden sie halt bevorzugt. Und sogar so dominant verbreitet, dass sie kaum noch hinterfragt werden.

Ich habe den Eindruck, dass es in der Softwareentwicklung genauso läuft. Auf den großen Konferenzen werden fast nur „Hype-Themen“ besprochen, aber wichtige Grundlagen werden kaum behandelt. Ob Serverless, Blockchain, Vue.js oder andere hippe Entwicklungen, der Fokus liegt häufig auf Themen, die nur für einen Bruchteil der Unternehmen relevant sind. Es kann doch nicht jedes Unternehmen so arbeiten wie Netflix, Amazon und Co. Und das ist auch gar nicht schlimm! Aber wenn man als Entwickler in einem mittelständischen Unternehmen arbeitet und sich auf diesen Konferenzen umschaut, bekommt man schnell Angst, wann die eigene IT wohl nicht mehr mithalten kann.

Dabei sieht es im Großteil der Unternehmen da draußen meist noch viel schlimmer aus: keine Unit-Tests, kein Continuous Integration, kein Pair Programming. Die Basics moderner Softwareentwicklung sind für viele Unternehmen auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Das sehe ich regelmäßig bei den IHK-Prüfungen.

Vielleicht sollten wir als Entwickler – die ja schon ein „angeborenes“ Interesse an den neusten Technologien haben – auch ein wenig mehr hinterfragen und nicht jede neue Technologie von irgendeiner Konferenz als das neue Nonplusultra interpretieren. Ein gesundes Maß an Skepsis ist – genau wie beim Medienkonsum – angebracht.


Hast du schon einmal eine „unverzichtbare“ Technologie eingeführt und später festgestellt, dass sie doch gar nicht so toll ist? Welche Hype-Themen sind für dich aktuell völlig unsinnig?

4 thoughts on “Wie die Medien unser (Entwickler-)Weltbild beeinflussen

  1. Ich bin Hypalergiker,

    ein Kunstwort das ich soeben schuf. 🙂
    Ich hab den 3D-Hype miterlebt, den Web-Hype der im Jahr 2000 rum plazte und die gesamte IT-Wirtschaft in Verruf brachte. Secound-Live wurde von vilen Medien schon als first Live ausgelebt usw. Was ich selber erfahren habe, dass eher immer die Leute gefragt waren, die sich nicht um all das kümmern. Ich denke da an den Jahrtausendwechsel als plötzlich Assembler-Programmierer gesucht wurden oder den immer noch hohen bedarf an Entwicklern in Cobol für Banken.

    Einen privater Trend, den ich selber gesetzt hab ist das Arbeiten mit vektorisierter Grafik, JSON, XML, XSL.

  2. Kleine und mittelständische Unternehmen werden gar nicht die Kapazität haben, um sich diese Hype-Themen näher anzuschauen bzw. es ist viel zu risikoreich, auf diese zu setzen. Da geht man eher konservativ vor und wartet ein wenig ab und schaut, was sich dann durchsetzt. Wenn die vorhandenen Produkte gut funktionieren, warum sollte ein Unternehmen diese dann in Richtung von Hype-Themen umbauen? Kommt sicherlich auch auf die Branche an, speziell Webtechnologien sind ja teilweise sehr kurzlebig. Beim Lesen des Artikels fiel mir irgendwie sofort Gitlab ein … wie oft hat man dort schon das User Interface umdesigned und das JavaScript-Framework gewechselt. 😉

    Vielleicht sind auch einfach die falschen Unternehmen auf den Konferenzen vertreten bzw. haben die nicht anwesenden Unternehmen kein Interesse etwas auf der Konferenz vorzustellen oder denken der Inhalt ihres Vortrags sei nicht innovativ genug.

  3. Ich denke, es ist Letzteres! Man ist ja auch schnell eingeschüchtert, wenn man mitbekommt, dass alle jetzt serverless arbeiten. Da kommt einem die Einführung eines Code-Review-Prozesses oder von TDD natürlich wenig innovativ vor…

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